4. Oktober, Esch – Dorsel, 20 km
Durchs Lampertstal und entlang der Ahr
Heute, an diesen Tag habe ich versucht, nicht zu denken. Auch Steffi ist still und in sich gekehrt. Wir sehen nach den Pferden auf der Koppel und bringen ihnen Kraftfutter. Zwischendurch telefoniere ich mit Michael, er ist mit dem Pferdeanhänger unterwegs nach Esch. Wir haben vereinbart, dass wir alle gemeinsam frühstücken, dann mein Gepäck zur nächsten Station in Dorsel an der Ahr fahren, in einer Apotheke noch einen Vorrat an Blasenpflastern für meine Füsse kaufen. Dann soll Miri gesattelt werden, Nerva verladen und während Miri und ich uns alleine auf den Weg machen, werden Micha, Steffi und Nerva davonfahren. Nach einigen festen Umarmungen und gegenseitigen Segenswünschen trennen wir uns. Letzte Blicke, winken, und Stille – nein- weit gefehlt!
Ab jetzt hat Miri nur noch mich. Protestierend wiehert sie hinter dem Hänger her. Ich hoffe, die drei kommen heil zu Hause an. Mein neues Zuhause liegt noch weit vor mir, es ist eine Reise ohne Wiederkehr. Nur noch als Gast werde ich nach Stolberg kommen, wieder würge ich einen dicken Kloß im Hals hinunter.
Unser Weg führt durch das wunderschöne Lampertsbachtal mit seinen Graswegen, gesäumt von Wald zu beiden Seiten. Miri soll fleissig vorwärts gehen, dann vergisst sie ihr Gewieher schneller. Auf der Bachwiese wachsen zahlreiche Herbstzeitlose, das weiss ich noch von unserem letzten Besuch. Am Ende des Tals in Schloßthal über der Ahr, gibt es eine Ruine, die ich damals mit meiner Freundin Dagmar besucht habe. Heute habe ich keine Lust auf einen Abstecher, die Trauer hat mich ziemlich fest im Griff.
Gedanklich nehme ich auch vom Lampertstal Abschied. Von jetzt an führt mein Weg parallel zur Ahr. Früher war er geschottert, heute ist er geteert. Na klasse, seltsamerweise wusste Monika in Esch nichts davon. Das wundert mich. Egal, das Lampertstal wäre mir sonst entgangen, ich sitze ab und führe Miri neben mir her. Gemeinsam finden wir unseren Rhythmus, ihr Hufschlag und mein Schritt verbinden sich zu einer Melodie, die mir im Verlauf unserer Reise in Fleisch und Blut übergehen wird. Es hat etwas meditatives, so Schritt für Schritt näher ans Ziel zu kommen.
Es ist gut, dass wir heute nur eine kurze Etappe bewältigen müssen. Immerhin sind wir schon vier Tage mit schwerem Gepäck geritten und ab morgen steht uns die Vulkaneifel bevor. Um zur Wanderreitstation in Dorsel, Gut Stahlhütte, zu gelangen, müssen wir heute auch noch die Ahr überqueren. Es soll dort eine flache Furt geben, die Brücke dort liegt in Trümmern, hat man mir gesagt. Miri geht zwar durch Wasser, aber nicht sehr gerne. Ob sie mich da heute noch rüber trägt, ist fraglich. Ich fasse den Entschluss, das auf mich zu kommen zu lassen und sehe mich ein wenig um. Die Ahr windet sich hier durch ein ziemlich breites Tal, die Ufer sind baumbestanden. Durch das Laub der Bäume schimmert immer wieder das Grün gepflegter Wiesen und Weiden durch.
Dann entdecke ich eine zerstörte Brücke, die Furt muss ganz nah sein. Hier kommt mir auch der Zufall zu Hilfe: Auf die Gebäude von Gut Stahlhütte am jenseitigen Ufer hält eine Reitergruppe zu. Die hat Miri natürlich auch entdeckt. Ich sitze auf und reite zügig auf die Furt zu. Ohne zu zögern geht Miri hinein und bevor sie gemerkt hat, dass sie nasse Füsse bekommen hat, sind wir auch schon mitten in der Ahr. Jetzt nur noch gerade aufs Ufer zu halten und zusehen, dass sie weitergeht – schon sind wir wieder draussen. Brave Miri – gutes Pferd.
Am Gut Stahlhütte geht es lebhaft zu. Eine Gruppe
Kinder und Jugendlicher sattelt gerade ab. Ich will nicht stören, nach freundlicher Begrüssung durch meine Gastgeber kümmere ich mich erst einmal ums Pferd. Miri bekommt heute nacht einen Weidepaddock, durch die Panoramascheiben des Aufenthaltsraumes kann ich sie beim Abendessen und beim Frühstück sehen. Sie ist ruhig und frisst. Wegen ihres Sommerekzems habe ich sie nach dem Absatteln noch eingeölt, so ist sie vor Insekten geschützt.
Beim Abendessen mache ich mir Gedanken über den Routenverlauf für morgen. Am Nürburgring muss ich entweder entlang oder drüber hinweg. Fraglich ist, ob die Brücken über die Rennstrecke mit Pferd passierbar sind. Weil ich Piet, bei dem ich morgen übernachten werde, telefonisch nicht erreichen kann, entscheide ich mich für die Route aussen herum. Mit meiner Gastgeberin entwickeln sich noch nette Gespräche, bei Abendessen und Frühstück erzählen wir uns gegenseitig etwas aus unserem Leben.
Ein wenig aufgeregt wegen den Anforderungen des nächsten Tages lege ich mich schliesslich hin und schlafe überraschend gut und schnell ein. Wie immer habe ich vorher noch mit Andy telefoniert, er macht mir immer wieder Mut. Am 7. Oktober in der Frühe werden wir uns in Weilerhöfe treffen. Zwei Tage werden wir dann gemeinsam weiterreisen. Ich freue mich wie ein Kind.
5. Oktober, Dorsel - Baar, 38 km
Von der Ahr in die Vulkaneifel
Heute muss Miri wieder voll bepackt werden. Nach dem Frühstück heisst es auch hier Abschied nehmen und trödeln dürfen wir nicht. Wenn man die Vulkaneifel von Norden nach Süden zu durchqueren hat, muss man entweder viel klettern oder weite Umwege in Kauf nehmen. Für uns steht heute Klettern auf dem Programm.
Miri geht wieder brav durch die Furt in der Ahr, Josef, die gute Seele vom Hof ist mit einer netten alten Stute zu Fuß vorausgegangen. Leider hat er dabei nasse Füsse bekommen, die Schäfte seiner Gummistiefel waren zu kurz. Ich bedanke mich 1000 Mal, ein letzter Blick zurück und dann geht’s steil bergauf in den Wald.
Über eine Höhe mit schöner Aussicht bei Hoffeld auf die steilen, spitzen Bergkegel der Vulkaneifel erreichen wir das Tal des Nohner Bachs. Von dort zweigt das Trierbachtal ab, dem wir bis zum Nürburgring folgen wollen. Der Trierbach verläuft in Nord-Südrichtung, das kommt uns sehr zupass. Ich bin froh, dass wir so kräftezehrender Kletterei noch eine Weile entgehen. Wir kommen gut voran, viel besser, als ich dachte. Dennoch halten wir uns nirgendwo unnötig auf. Wenn wir bei Tageslicht unser Ziel erreichen wollen, muss alles glatt gehen.
Kurz vor Müllenbach müssen wir dann unser Bachtal verlassen. Nach rund 15 km relativ ebener Strecke haben wir die ehemalige Südschleife des Nürburgringes erreicht. Um Miri auf einer langen, relativ steilen Wegstrecke zu entlasten, will ich laufen. Aber so steil bergauf rutschen meine wunden Füsse gegen die Fersenkappen meiner Schuhe. Das macht jeden Schritt bergauf zur Qual. Seufzend steige ich wieder auf, tut mit Leid, Miri, das Schleppen hätte ich dir gerne erspart. Aber Miri läuft wie ein alter Diesel, nicht schnell aber beständig geht sie drauflos, das Tempo überlasse ich ihr hier gerne. Sie schnauft ein wenig, es ist erstaunlich warm für einen Oktobertag und sie hat schon einen ziemlichen Winterpelz als Offenstallpferd.
Vom Nürburgring dringt Motorlärm an unsere Ohren. Da scheint wohl gerade ein Rennen statt zu finden. Ich beglückwünsche mich im Stillen zu meiner Entscheidung, den Ring im Osten zu umgehen.
Auf der Höhe bei Balkhausen finden wir saftiges Gras für Miri und eine Bank unter Birken für mich. Das Wetter meint es ausgesprochen gut mit uns, sonnig und klar, mit einem kühlen Lüftchen. Miri grast zufrieden und ich packe mein Lunchpaket aus. Im hellen Sonnenschein geniessen wir unsere Pause und ich nehme mir in aller Ruhe die 2. Landkarte für heute vor. Da ich zwei Kartentaschen dabei habe, die beidseitig transparent sind, brauche ich selten eine Karte unterwegs auszupacken und neu zu falten. Die Karten sind so wesentlich länger haltbar, besonders an den Bruchstellen.
Etwas erholt brechen wir 45 Minuten später wieder auf. Kurz vor Drees steht uns der anstrengendste Teil der Tagesstrecke bevor. Hier geht es über 10 Kartenkilometer viel bergauf und bergab. Aber da wir gut in der Zeit liegen, werden wir wohl gegen 17:30 Uhr am heutigen Ziel sein.

Miri schleppt mich mitsamt Gepäck jetzt immer bergauf, dafür laufe ich jedes Mal bergab nebenher. Das ist so eine Art Arbeitsteilung, die gut funktioniert.
Wie vorausgesehen werden wir gegen halb sechs von Piets Freundin Anke in Baar-Büchel freundlich empfangen. Als Wanderreitführer ist Piet selber zur Zeit mit Gästen auf Mehrtagestour.
Miri bezieht eine Mobilbox im Untergeschoss des Stalles und nimmt ihre Heuration in Angriff, für mich ist in einem raffiniert ausgebauten, rustikalen Wanderreiterzimmer ein frisches Bett bezogen. Die Ausarbeitung der Strecke für den nächsten Tag auf der Karte gehört schon fest zur Abendroutine. Morgen früh können wir ein wenig aussschlafen, der Weg bis Weilerhöfe beträgt nur einen halben Tagesritt.
Bei einem strammen Max und ein paar Bit aus der Pulle klingt der Abend in Ankes angenehmer Gesellschaft zünftig aus. Inzwischen hat Miri auch ihr Kraftfutter bekommen, Zeit, zu Bett zu gehen.