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1. Oktober, Stolberg – Zerkall, 31 km

Die grosse Reise beginnt ...

  

 

 

Heute ist der Tag des Abschieds und des Aufbruchs gekommen. Alles wird zum letzten Mal gecheckt: Karten, Ausrüstung, Gepäck, Papiere, Geld, zum letzten Mal werden die Pferde an ihrem alten Anbindeplatz vorbereitet, zum letzten Mal kommen noch einmal Wanderreitgäste vorbei, um sich eine Routenempfehlung für das kommende Wochenende zu unserer Wanderreitstation Burgholzer Hof zu holen. Sie werden von meiner Familie versorgt werden, denn am kommenden Wochenende werde ich schon fast an der Mosel sein ...

Mein treues Reitmädel Steffi wird mich in den ersten 3 Tagen begleiten, jahrelang hat sie meine Pferde gepflegt und jedes Pferd immer wieder einmal geritten.

Mit gemischten Gefühlen verlassen wir erst mittags den Hof, nach einer letzten Umarmung noch ein Blick zurück und dann vorwärts, den dicken Kloß im Hals würgen wir tapfer hinunter.

Es ist windig und Regenwolken ziehen auf. Die Strecke nach Zerkall ist mir wohlbekannt, als direkte Nachbarstation hatten wir immer wieder einmal Kontakt in den vergangenen Jahren.

Steffi ist genau so schweigsam wie ich. Nachdenklich durchqueren wir den nahegelegenen Mausbacher Wald, lassen unseren Blick in die Ferne schweifen über das Vichttal bei Mausbach hinweg. Hier nehme ich gedanklich Abschied von meiner Freundin Dagmar, an deren Grundstück wir vorüberziehen und von meinen Stationsnachbarn in Raffelsbrand, wo sich am Horizont die Windräder drehen. Nach der Durchquerung des gepflegten Ortes Mausbach erreichen wir steil bergauf den mir gut bekannten Hürtgenwald. Nun wird unser Weg drei Stunden durch dieses Waldgebiet führen. Hier liegt eingebettet in alte Baumbestände die Wehebachtalsperre, ein Trinkwasserreservoir, welches vom Wasser der Roten und Weißen Wehe gespeist wird. Das Tal der Roten Wehe wurde vor Jahren von Bibern überschwemmt. Ein Hauch von Urtümlichkeit und Wildheit beherrschte für mich immer diesen Ort mit seinen großen Wasserflächen und den alten, im Wasser angenagten und abgestorbenen Bäumen. Frische Verbissspuren habe ich schon lange nicht mehr gesehen und auch die Dämme sind in keinem besonders guten Zustand mehr. Die Tiere sind wohl weiter gezogen. Das Tal der Weißen Wehe, über einen Bergrücken vom Roten Wehebach getrennt, wirkte immer heiterer und leichter auf mich mit seinen Galeriewäldern und Birkenauen.

Abermals steil bergauf führt unser Weg nun dem Waldrand entgegen, auf der Höhe erwartet uns die Siedlung Hürtgen mit ihrem Ehrenfriedhof , den weiten Weideflächen und abgeernteten Getreidefeldern. Nach der Ortsdurchquerung packen wir trotz Sonnenschein die Regenponchos aus. Unser Blick fällt auf einen wunderschönen Regenbogen über dem dicht bewaldeten Kalltal und Steffi meint, am Ende des Regenbogens findest du einen Schatz ... Ja, auf dem Weg zu meinem Schatz bin ich tatsächlich, und auf der Suche nach mir selbst ... werde ich es wohl schaffen, mein Ziel zu erreichen? Werde ich den Umgang erlernen mit Trauer und Schmerz? Werde ich in der Fremde eine Heimat finden, was mir in den vergangenen zwanzig Jahren nicht gelungen ist? Natürlich habe ich ein wenig Angst vor der Zukunft, aber meine Entscheidung habe ich getroffen, die Chancen stehen nicht schlecht und es gibt kein zurück mehr. Nun wartet ein Leben mit meinem neuen Partner Andreas auf mich und jeder Schritt bringt mich ein Stück näher zu ihm.

Abwärts ins Kalltal schlängelt sich unser Waldweg und unten angekommen folgen wir dem Lauf des Eifelflüsschens gesäumt von Wiesen auf der Talsohle. Obwohl es schon anfängt zu dämmern machen wir noch eine kurze Rast, auch im Dunkeln werden wir den Rest des Weges finden.

 

 

Mit dem allerletzten Tageslicht treffen wir schließlich in unserem Quartier Gut Kallerbend ein. Noch die Pferde versorgen und dann hinein zu Karin, unserer Gastgeberin. Reichlich und lecker ist wie immer unser Abendessen, ein letztes Mal reden wir bei einem Bier über berufliche und private Dinge, am nächsten Morgen nach einer trefflichen Nacht in der Ferienwohnung und einem guten Frühstück satteln und packen wir wieder unsere Pferde und nehmen Abschied von unserer Stationsnachbarin – danke Karin, für alles, du weißt schon!

 

 

2. Oktober, Zerkall – Wintzen, 40 km

Abschied von der Rureifel

Heute führt unser Weg ein Stück durchs Rurtal mit schönem Blick auf Burg Niddeggen, die majestätisch hoch oben auf ihrem rot schimmernden Buntsandsteinfelsen thront. Im kleinen Fachwerkörtchen Abenden fliesst ein Bächlein in einer flachen Rinne durch den Ortskern. Ein Schlückchen Wasser für die Pferde und für uns ein Stück Apfelkuchen mit Sahne aus der Bäckerei ... hmmm, unwiederstehlicher Duft nach frischem Gebäck hat uns schwach gemacht.

Frisch gestärkt nehmen wir so die Steigung östlich von Heimbach in Angriff, heute haben wir eine Tagesstrecke von 28 km vor uns. Vorwiegend in südliche Richtungen haben wir die Eifel zu durchqueren, wegen der Faltung der Eifelhöhen müssen wir immer wieder mal runter ins Tal und wieder rauf auf die Höhen. Reisen wie in alter Zeit ist nach wie vor anstrengend, auch wenn es gute und sichere Wege gibt und keine Räuberbanden nach unserem Besitz trachten. Dummerweise trage ich recht neue Trekkingstiefel und auch an den alten Trick mit den zwei Paar Socken habe ich nicht gedacht. Da wir die Pferde häufiger auch mal führen, melden sich dicke Blasen an meinen Fersen. Herrjeh, wie konnte ich nur so blöd sein? Zum Glück gibt es ja Blasenpflaster in unserer Notapotheke, also aufkleben und weiter geht’s.

Auch ohne Regen tragen wir heute zum Schutz vor dem frischen Wind unsere Ponchos, die uns lustig umflattern. Unsere Pferde bringt das schon lange nicht mehr aus der Ruhe, wie alle Geländepferde aus dem Raum Aachen – da regnet’s halt ein wenig häufiger - sind sie an unser Regenoutfit gewöhnt. 

 

 

 

Im freien Feld bei Walbig muss ich die Karte wechseln, der Hergartener Wald liegt vor uns, dort wollen wir auch an der Kohlweghütte Mittagspause machen. Am Waldrand finden wir ein Wildgatter, kurzfristig ändere ich die Route. Rehe möchten wir nicht stören, auf eventuelle Begegnungen mit Wildschweinen legen wir keinen Wert. Also weichen wir aus auf einen Wanderweg, der entlang des Schafsbachs nach einer Weile gerade die B265 kreuzt. Sicher gelangen wir an die andere Seite und nun ist es bis zur Mittagsrast nicht mehr weit. Die Pferde dürfen wie immer eine Weile an der Hand grasen, dann binden wir sie an der Hütte an und setzen uns zum Essen. Meine Füsse lege ich hoch, die Blasen brennen wie Feuer.

 

 

Anschliessend geht es bergab Richtung Gemünd, ich halte den Daumen auf der Karte und orientiere mich auch anhand der Höhenlinien. Ohne Sicht mitten im Wald heisst es auf unmar-kierten Wegen immer gut aufgepasst ...

Schliesslich treffen wir auf einen kleinen Bach, dessen Lauf uns nach Gemünd führt. Abermals ändere ich kurzfristig die Route leicht ab. Die stark befahrene Bundesstrasse überqueren und uns mit unseren hoch bepackten Tieren gleich anschliessend durch einen Fußgängerengpass auf Gleise zu quetschen, um an der anderen Seite der Bahntrasse womöglich nicht durch zu passen? Nee, das ist nichts für Leute mit Pferden. Lieber einen kleinen Umweg in Kauf nehmen, Sicherheit geht vor. Anschliessend geht es hinauf in den Olefer Kirchenwald, wir sollten uns jetzt sputen, sonst wird es schon wieder dunkel und unsere Gastgeber machen sich Sorgen. Das kommt davon, wenn man morgens herumtrödelt. In der Dämmerung kommen wir schließlich an und Trudi und Rolf begrüssen uns wie immer ganz herzlich. Unsere Pferde fühlen sich wohl auf der grossen Koppel. Es geht immer ein Lüftchen, ganz prima für meine Miri mit ihrem Sommerekzem.

Trudi verwöhnt uns mit ihren Kochkünsten und nach einem gemütlichen Abend fallen wir in unsere Betten. Am nächsten Morgen fällt uns dann der Abschied schwer. Abschied von Freunden, ob wir uns je wiedersehen?  

 

3. Oktober, Wintzen - Esch, 42 km

Von der Rureifel in die Ahreifel

Abermals haben wir morgens beim Aufbruch keine Eile. Aber schließlich machen wir uns mit den besten Wünschen und einem dicken Lunchpaket versehen wieder auf den Weg. Adieu Trudi und Rolf, bleibt gesund und fröhlich und Danke auch euch!

Mit frischen Blasenpflasten an den Füssen gehe ich nachdenklich neben meiner Miri her. Wir sind auf dem Weg nach Esch, einer Station, die ich auf meinem allerersten Wanderritt durch die Eifel schon einmal besucht habe. Nun liegt sie auch auf meinem letzten Ritt an der Wegstrecke. Morgen früh werden Steffi und meine kleine Stute Nerva mit dem Pferdeanhänger die Rückfahrt nach Stolberg antreten. Mein Sohn Michael, stolzer Besitzer des Führerscheins BE, wird zum Frühstück in Esch sein.

Aber zunächst einmal liegt ein schöner Reittag mit abwechslungsreicher Landschaft und zum grössten Teil unbekannter Strecke vor uns. Steffi ist eine angenehme Begleiterin, wir verstehen uns auch ohne viele Worte. Heute sind wir doch noch ein wenig steif von den Strapazen der ersten beiden Tage. Das kennen wir, ab dem 3. Tag wird es dann besser – wenn nur meine Füsse nicht so wund wären ...

Vor Golbach treffen wir auf den Josef-Schramm-Wanderweg, dem wir über Steinfeld und Marmagen heute ein ganzes Wegstück folgen wollen. Bei Rinnen kommt uns an einem steilen, schmalen Wegstück eine Gruppe Fußwanderer entgegen. Wir grüßen freundlich und weichen aus, so gut es geht. Die Wanderer grüssen fröhlich zurück und wollen wissen, ob wir mit unseren bepackten Pferden den Eifelsteig wandern? Kurz halten wir ein Schwätzchen und erklären ihnen, dass Miri und ich auf einem 4-wöchigen Ritt an die Donau unterwegs sind und Steffi mich bis an die Ahr begleitet. Begeistert wird diese Nachricht von der Gruppe aufgenommen und mit vielen guten Wünschen versehen geht unser Ritt schliesslich weiter.

Solche Begegnungen werde ich noch oft erleben, bis wir Ende Oktober am Ziel sein werden, es freut mich immer wieder, mit welcher Herzlichkeit und Selbstverständlichkeit man als Wanderreiter von anderen Naturliebhabern akzeptiert wird. Ob man zu Fuß, per Rad oder mit Pferd unterwegs ist, das Bedürfnis, Natur, Kultur und neue Wege zu erleben, verbindet uns alle.

Kurz darauf liegt auf einer Anhöhe Kloster Steinfeld über uns. Meine Befürchtungen beim Studium der Karte bestätigen sich: Der Pfad wird sehr schmal, ein wackeliger Steg führt über ein Bächlein. Zudem ist er zu beiden Seiten von Stacheldrahtzaun gesäumt, wegen dem die Pferde den zahlreich entgegenkommenden Fußgängern nicht ausweichen können.

Also tritt Plan B in Kraft, statt direkt am Kloster vorbei, halten wir über Steinfelderheistert auf Marmagen zu.

Die Gegend um Marmagen kenne und liebe ich von früheren Wanderritten, sie ist für ihren Reichtum an Fossilien bekannt Farben kommen mir hier immer ein wenig leuchtender, Licht immer ein wenig heller vor.

Kurz hinter Marmagen treffen wir wieder auf unseren Josef-Schramm-Weg, am Waldrand quetschen wir unsere Pferde durch einen Engpaß aus Baum, Weidezaun und Wildgatter. Ha, ich stelle fest, dass unsere Packtaschen wirklich robust sind und die Pferde geduldig warten und sich nur zentimeterweise vorwärtsschieben. Wanderritte schulen doch trefflich die Gebrauchseigenschaften eines Pferdes ...

Oben im Wald ist eine Hütte in die Karte eingezeichnet, dort habe ich die Mittagsrast geplant. Der Ort eignet sich auch ausgezeichnet, frisches Gras für die Pferde, Anbindemöglichkeit, Sitzgelegenheit für uns und himmlische Ruhe. Noch während die Pferde grasen, kommt ein wanderndes Paar vorbei. Schnell sind wir mit diesen netten Leuten im Gespräch. Auch diese beiden wollen wissen, wohin unsere Reise geht, auch aus welchen Beweggründen wir sie überhaupt unternehmen. Hier werde ich auch erstmalig gefragt, ob ich denn ein Buch darüber schreiben möchte? „Ja," frage ich, „wer würde so etwas denn lesen?" „Ich, zum Beispiel" schmunzelt die Wandersfrau und bietet uns einen Müsliriegel an. Dankend greifen wir zu. Eine grössere Gruppe Wanderer trifft ein und schickt sich ebenfalls an zu rasten. Während wir zusammenpacken und die Pferde aufzäumen, sind wir schnell zum Mittelpunkt des lebhaften Interesses geworden. Viele gute Wünsche und Ermunterungen bekommen wir auch hier mit auf die Reise. Vielleicht ist ein Buch oder zumindest ein Reisebericht ja wirklich eine gute Idee? Zumindest würde es mir helfen, meine Empfindungen zu sondieren und zu ordnen.

Aber nun muss ich mich wieder auf die Arbeit mit der Karte konzentrieren, es liegt ein grösseres Waldstück vor uns und 18 km trennen uns noch vom Nachtquartier.

Südlich von Blankenheimerdorf treffen wir schliesslich auf den Jakobsweg. Diesem folgen wir ein Stück Richtung Süden und erreichen eine Hütte im Wald bei Blankenheim, neben der sich ein Hügelgrab befindet. Dieser Ort wird als einer der Kraftorte in der Eifel bezeichnet. Wir legen eine 2. Rast ein, sehen uns um und lassen die Atmosphäre auf uns wirken. Neben der Hütte quillt der Mülleimer über, verstreut liegt allerhand Unrat herum. Auf einem Hügel steht ein Metallkreuz auf steinernem Sockel, eingerahmt von zwei mächtigen Kastanien. Ich empfinde keinen Frieden an diesem Ort, allzu lange aufhalten möchten wir uns hier nicht.

Unsere Stuten stehen nach einem kleinen Gras-Snack angebunden an einem Baum, als beide plötzlich lauschend ihre Köpfe heben. Es klingt wie Hufschlag an unsere Ohren, doch irgendwie fremd und unwirklich. Die Wilde Jagd? Gruselig.

 

 

Bald darauf brechen wir wieder auf. Wollen wir vor Einbruch der Dunkelheit am Ziel sein, müssen wir uns sputen.

Bis Waldorf folgen wir noch dem Jakobsweg, dann halten wir erst auf Alendorf, schliesslich auf Esch zu. Inzwischen ist der Wald zurückgeblieben. Offen und frei liegen wunderschöne Wacholderheiden vor uns. Leichter Nieselregen hat eingesetzt, die Graswege werden schlüpfrig. Unsere Stuten sind auch schon müde, den Rest der Strecke wollen wir zu Fuß gehen. Langsam führen wir die Pferde einen schlüpfrigen Abhang hinunter, dann liegt Esch vor uns. Schnell ist auch die Dunkelheit hereingebrochen, lieber stelle ich die Pferde bei Tageslicht auf eine fremde Koppel. Nach dem Absatteln gehen wir sicherheitshalber noch eine Runde mit ihnen am Halfter am Koppelzaun entlang. 

Monika, unsere Gastgeberin, hat unsere Betten in einem Holzgartenhaus bezogen. Nach einem köstlichen Abendessen fallen wir in unsere Betten, ein wenig traurig, denn morgen müssen Steffi und ich sowie die Pferde voneinander Abschied nehmen.

 

 

 

 

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